Leseproben


 

Neun Uhr war durch, als ich endlich die Tür zu meinem Haus aufschloss. Wenn David heute schon wieder anrufen sollte, würde ich ihm sagen, wo er sich seinen Ballsaal hinstecken konnte. Ich war fix und fertig, wollte nur noch duschen und ins Bett.

Allerdings rebellierte mein leerer Magen dagegen. Mittagessen und sonstige Imbisse waren heute wieder flach gefallen.

Mir war richtig schlecht vor Hunger.

Die Haustür schellte. Erschrocken zuckte ich zusammen. Wenn ich nicht so ausgehungert gewesen wäre und normal hätte denken können, hätte ich sicherlich nicht aufgemacht. So folgte ich einem Reflex.

Robert Faulkner stand vor der Tür und hielt in seiner Hand zwei Schüsseln, aus denen es wunderbar duftete.

„Hallo“, sagte er und lächelte unsicher. „Ich dachte, so wie ich Sie kenne, sind heute sämtliche Mahlzeiten ins Wasser gefallen.“

Ich starrte ihn an.

„Darf ich reinkommen?“, fragte er schüchtern.

Ich trat einen Schritt zur Seite und hielt die Tür offen. Ich hatte vergessen, wie man spricht.

Er lächelte mich erfreut an und mir ging auf, dass er absolut nicht sicher war, wie ich diesen späten Besuch aufnehmen würde. Ich war mir selber nicht sicher. Aber ich hatte ihn vermisst.

Wir gingen in die Küche.

„Ich habe etwas von meinem Lieblingsitaliener besorgt“, erklärte er und stellte die warmen, wunderbar duftenden Schalen auf der kleinen Theke meiner Küche ab.

„Ich hoffe, Sie mögen Pasta.“

„Sie sind mein Retter“, sagte ich aus tiefstem Herzen. „Aber ehe ich was esse, muss ich duschen. Ich fühle mich verklebt, schwitzig und habe vor lauter Haare raufen meine ganze Frisur verunstaltet. Geben Sie mir zwanzig Minuten, dann bin ich taufrisch.“

Ich deutete auf den Kühlschrank. „Da ist eine Flasche Chardonnay drin.“

Ich ging ins Bad und fühlte mich durch das heiße Wasser und frische Klamotten wieder besser. Statt dem alten braunen Hausanzug schlüpfte ich in ein bequemes Sommerkleid, kämmte mir schnell die Haare, putzte die Zähne und eilte zurück in die Küche.

Verblüfft stand ich in der Tür. Die Theke war eingedeckt mit Tellern, Besteck, Gläsern und einer Kerze. Robert entkorkte soeben die Flasche Chardonnay. Als er mich erblickte, lächelte er erfreut.

„Wow! Das war schnell“, sagte er mit erhobenen Brauen.

„Dreißig Minuten statt zwanzig“, gestand ich mit einer Grimasse. „Aber das hier ist echt süß.“

„Süß?“, fragte er und sein Gesicht verdunkelte sich. „Das Wort höre ich öfter in Zusammenhang mit meiner Person.“

„Sind Sie nicht gerne süß?“, fragte ich und setzte mich auf einen der Barhocker. Robert goss den Chardonnay in mein Glas und dann in seines.

„Süß sind kleine Hunde oder Babys. Aber nicht Männer.“

Aha, daher wehte der Wind.

„Was?“, fragte er misstrauisch, als er mein Grinsen sah.

„Sie möchten weg von Ihrem Image als Hugh Vincent“, stellte ich fest.

Er öffnete meinen Backofen und entnahm ihm die zwei noch verschlossenen Schachteln. Er hatte sich wirklich innerhalb kürzester Zeit in meiner Küche zurechtgefunden.

„Nein, eigentlich mag ich Hugh Vincent. Ich habe ihm viel zu verdanken. Aber auch Hugh Vincent ist älter geworden. Er gibt sich nicht mehr mit Fünfzehnjährigen ab.“

Er schüttete den Inhalt der einen Schachtel auf meinen Teller. Rigatoni mit Lachs in Tomatensauce. Sie rochen wunderbar.

Ich nahm meine Gabel und probierte. Sie schmeckten genauso wie sie rochen.

Robert schüttete die andere Schachtel über seinem Teller aus. Oricchietti in einer Pilzsauce mit Auberginen und Artischocken. Seine Pasta sah genauso lecker aus wie meine.

„Mh. Phantastisch. Ist das genauso gut?“, fragte ich neugierig.

„Wir können tauschen nach der Hälfte“, schlug er vor. Ich stimmte begeistert zu.

Nachdem ich meinen ersten Hunger gestillt hatte, warf ich ihm verstohlene Blicke zu. Er sah genauso makellos aus wie während der Dreharbeiten, als habe sein Stylist ihn gerade aus der Maske entlassen. Sein dichtes Haar lag wie immer verwuschelt, seine Augen waren umrahmt von diesen dunklen, dichten und unglaublich langen Wimpern. Nur sein Kinn wies Spuren von Bartwuchs auf.

„Rasieren Sie sich sonst nicht?“ Oh Gott, hatte ich die Frage tatsächlich laut gestellt?

 

 

 

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Teil 2 wartet auf einen Verleger