Leseproben


 

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 ISBN 978-3-646-60008-7

 

 www.carlsen.de

 

 

 

 

T E I L 1  

L E E

 

  DIE PROPHEZEITE

 

 Ich war neugierig. Ziemlich sogar. Immerhin hing von diesem Mädchen die Zukunft ab. Die Zukunft einer ganzen Nation. Und ich sollte sie beschützen. Mehr als das:  

Meine eigene Zukunft war mit ihrer eng verwoben. Ich sollte sie heiraten! Deswegen wollte ich sie kennenlernen und schrieb mich am Horton College of Westminster in London ein.

 Diese Schulen waren doch alle gleich. Jugendliche oder junge Erwachsene, die sich noch finden mussten. Die Jungs unterhielten sich oft lautstark über Sport, Partys oder hübsche Mädchen. Die Mädchen kicherten viel, waren grundsätzlich in Gruppen unterwegs und sorgten sich vor allem um ihr Aussehen, die Klamotten der anderen und welche Jungs gerade in waren.

 Als ich den Flur betrat, fühlte ich, wie sich sämtliche Blicke auf mich richteten. Das war ich gewöhnt. Schon himmelten mich die ersten Mädchen an. Ich sah, wie sie an ihrer Kleidung zu zupfen begannen, sich durch die Haare fuhren und über die Lippen leckten.

 Auch die Schulleiterin, Mrs Hayley-Wood, reagierte ähnlich. Sie war nicht immun gegen einen gutaussehenden Mann, egal welchen Alters. Wenn sie wüsste, wie alt ich tatsächlich war …

 Sie führte mich persönlich herum und stellte mir meine künftigen

 Klassenkameraden vor. Ich war mir sicher, dass ihre Stimme höher und etwas

 schriller klang als normal. Sie plapperte ununterbrochen, wies mich auf alle

 möglichen banalen Dinge hin und lachte dabei wie ein Teenager.

 »Hier sind ein paar Ihrer neuen Schulkameraden, Mr FitzMor.«

 Aha, endlich wurde es interessant. Vor uns standen drei dieser gestylten,

 bildhübschen Mädchen und ein Junge in meinem Alter. Oder zumindest in meinem vorgeblichen Alter.

 Die linke, brünette war extrem schön. Sie hatte die Augen aufregend geschminkt, trug einen dieser modernen Faltenröcke mit passendem Top und warf mir einen koketten Blick unter ihren langen, dichten Wimpern zu.

 »Mr FitzMor, darf ich vorstellen«, sagte Mrs Hayley-Wood und blieb vor den  

Vieren stehen. »Das sind Cynthia, Jack, Ava und Felicity aus Ihrem Jahrgang. Meine Lieben, das ist Leander FitzMor, ein neuer Schüler. Ich hoffe, Sie nehmen sich seiner ein bisschen an.«

 Mrs Hayley-Wood reichte mir erneut die Hand und verabschiedete sich. Ich

 beachtete sie nicht weiter. Ich fühlte, wie sich in mir alles vor freudiger Erwartung zusammenzog. Hatte ich ein Glück. Direkt vor mir, die bildhübsche Brünette, war das Mädchen, das ich suchte. Das Mädchen, das über unser aller Zukunft entscheiden sollte. Meine zukünftige Frau.

 Und sie sah umwerfend aus.

 Das würde ja wesentlich einfacher werden, als ich gedacht hatte. Ich schenkte ihr mein verführerischstes Lächeln und sie reagierte wie erwartet: Sie schmolz dahin.

 »Leander, was für ein ungewöhnlicher Name«, sagte die blonde Cynthia.

 »Ach, bitte, nennt mich Lee. Meine Freunde nennen mich immer so.«

 Ich sah Felicity tief in die Augen und mein Blick verfehlte die Wirkung nicht. Sie

 errötete zauberhaft. Wunderbar. Das machte es beinahe zu einfach. Ich hätte ja auch Pech haben und Felicity eine von diesen Trantüten dort hinten sein können. Wie die Moppelige da: strähniges Haar, ein unmögliches T-Shirt. Eben nieste sie und fiel rückwärts über ihre eigene Schultasche – auch noch ungeschickt. Und eine Zahnspange hatte außerdem aufgeblitzt!

 Ich konnte mir ein abfälliges Grinsen nicht ganz verkneifen. Armes Mädchen. Das Paradebeispiel eines modernen Blaustrumpfs. Die würde bestimmt später mal eine Frauenrechtlerin werden oder Lehrerin. Oder an einer Kasse im Supermarkt enden.

 Ich fühlte eine warme Hand auf meinem Arm. Felicity lächelte mich von unten mit gekonntem Augenaufschlag an. Sie wusste, wie man Männer umgarnte. Sie war hübsch, schien entschlossen und mutig. Kein Wunder – sie war die Prophezeite.

 »Komm mit. Ich zeige dir unseren Klassenraum.«

 Widerstandslos folgte ich ihr. Ob es für einen Kuss noch zu früh war? Immerhin

 wäre damit alles besiegelt. Sobald ich sie geküsst hätte, wäre sie mir verfallen. Auf immer.

 »Ich gehe davon aus, dass du jetzt auch Englisch hast«, sagte sie und hakte sich bei mir unter.

 Ich nickte. Das Horton College war in einem dieser altehrwürdigen Bauten aus

 dem viktorianischen Zeitalter untergebracht. Viele Treppen, Gänge und Nischen.

 Dunkle Nischen.

 »Ist der Englischraum etwa hier?«, fragte ich amüsiert, als Felicity mich in eine der besagten Nischen führte.

 Sie lächelte verlockend und presste ihre Modelfigur der Länge nach an meinen

 Körper. Dann küsste sie mich. Es war tatsächlich einfach gewesen sie einzuwickeln.

 Aber im gleichen Moment wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Wo war der erwartete Funkenregen? Das Feuerwerk? Die Geigen und das Konfetti? Es fühlte sich nicht an wie die Erfüllung des Schicksals, sondern wie ein ganz normaler, inniger Kuss.

 Vor uns polterte es und ich riss erschrocken die Augen auf. Die pummelige

 Schülerin mit dem dämlichen T-Shirt war vor unserem kleinen Versteck schon wieder gestolpert und hatte uns entdeckt.

 »Entschuldigung«, hörte ich sie murmeln.

 Das brachte Felicity in die Gegenwart zurück. Wütend funkelte sie das Mädchen an.

 »Verschwinde, City. Spionierst du mir etwa nach?«

 Die Unscheinbare richtete sich auf und blitzte sie an. »Weshalb sollte ich dir wohl nachspionieren? Glaubst du vielleicht, ich will lernen, wie man sich in der

 Öffentlichkeit lächerlich macht?«

 »Das brauchst du nicht zu lernen. Das kannst du von ganz allein«, fauchte Felicity und ich zollte ihr im Stillen Beifall. »Hau ab, City. Lee ist wohl nicht ganz deine Kragenweite.«

 »Nein, aber zum Glück ja deine. Ich glaube, du hast heute deinen eigenen Rekord geknackt: zwei Minuten nach dem Kennenlernen. Gratuliere.« Sie bückte sich nach ihren auf dem Boden liegenden Heften und reichte eines davon Felicity. »Hier. Miss Ehle hat uns verwechselt.« Dann warf sie mir einen verächtlichen Blick zu.

 »Keine Sorge, City. Lee wird uns nicht verwechseln«, Felicity war dem Blick der

 anderen gefolgt und nahm das Heft entgegen.

 »Hoffentlich. Ich nehme nicht gern gebrauchte Ware«, erklärte City hochnäsig.

 Mein Blick fiel auf das Heft. Im gleichen Moment fühlte ich mich, als hätte mir

 jemand einen Baseballschläger in den Magen gehauen.

 Felicity Stratton stand darauf.

 »Stratton?«, erkundigte ich mich. Ich hörte wie belegt meine Stimme klang. »Du heißt Stratton?«

 Felicity sah mich verliebt an und nickte. Ich wusste, der Kuss hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Das tat er nie.

 »Ja. Noch. Aber wer weiß, ob ich nicht irgendwann einen neuen Nachnamen

 bekomme? FitzMor zum Beispiel.«

 Hinter ihr erklang ein abfälliges Stöhnen. City tat, als müsse sie sich übergeben.

 Ihre Pölsterchen an den Hüften waren unter dem hässlichen T-Shirt deutlich zu

 erkennen, als sie sich vorbeugte. Moment mal … City war bestimmt nicht ihr richtiger Name.

 Mir schwante Übles.

 Trotzdem musste ich mir diesmal sicher sein. »Und du bist City?«

 Sie sah mich so verächtlich an, wie ich sie wohl vorhin.

 »Ja. Aber meine Freunde nennen mich Felicity. Felicity Morgan«, erklärte sie

 hochnäsig.

 Jetzt war mir richtig schlecht. Ich hatte einen riesengroßen Fehler begangen.

 Ich hatte die Falsche geküsst und an mich gebunden.

 Nicht die Auserwählte schmiegte sich verliebt an mich. Die stand mir gegenüber und war alles andere als die Traumfrau, die ich mir ausgemalt hatte.

 

 

F E L I C I T Y

 

 DER AUFTRITT

 

 Es war Montag, der dritte September. Der Tag begann, wie viele andere

 auch. Ich kam zu spät zur Schule. Wer hätte gedacht, dass sich an diesem Tag alles in meinem Leben ändern sollte? Wenn ich es auch nur ansatzweise

 geahnt hätte, hätte ich auf jeden Fall mehr auf mein Aussehen geachtet. Oder

 wäre im Bett geblieben. Die Gänge des Horton Colleges hatten sich

schon ziemlich geleert, als ich an mein Schließfach hechtete und mein

Geografiebuch zwischen einem mit Saft und Pudding befleckten T-Shirt und

anderen Schulbüchern suchte. In meiner Hektik fielen ein Deospray, ein

paar lose Blätter und ein zerfledderter Roman auf den Boden.

Umständlich raffte ich alles auf, knallte den Kram achtlos zurück in den Spind und versuchte abzuschließen. Dabei brach mein Schlüssel ab. Na toll. Wenn was schiefging, dann richtig. Und ausgerechnet zur Doppelstunde bei Ms Ehle musste ich zu spät kommen!

 »Ah, Miss Morgan beehrt uns«, sagte sie auch prompt, als ich mich in den

 Klassenraum schleichen wollte. »Haben Sie eine gute Ausrede parat oder soll

 ich eine für Sie erfinden?"

 »Schreiben Sie ins Klassenbuch ›starker Verkehr‹«, antwortete ich liebenswürdig.

 »Sie wohnen direkt hinter dem College«, meinte sie trocken. Sie trat einen Schritt näher und schnupperte. »Rieche ich an Ihnen etwa Alkohol?«, fragte sie streng.

 Oh, Mist. Das hatte ich vergessen. »Ja, Miss Ehle«, antwortete ich und

 senkte meinen Blick. Nicht, weil ich verlegen war, sondern um ein Grinsen

 zu unterdrücken.

 »Sie betrinken sich und sind noch nicht einmal einundzwanzig?«

 »Ich bin achtzehn«, klärte ich sie unnötigerweise auf.

 »Und trinken mitten in der Woche Alkohol? Sie wissen, dass ich das der

 Schulleitung melden muss, nicht wahr?«

 Ich nickte.

 »Setzen Sie sich auf Ihren Platz. Ich möchte endlich mit dem Unterricht

 beginnen.«

 Schnell befolgte ich ihre Anweisung und huschte zu meinem Tisch.

 Während ich Federmäppchen, Block und Buch auspackte, kam von hinten

 ein Zettel auf meine Bank geflogen. Mittwochsmotto: Ehle in Strapsen mit Bunnyöhrchen, stand darauf zu lesen. Ich drehte mich um und grinste Phyllis zu. Sie zwinkerte und Corey neben ihr wackelte mit seinen buschig roten Augenbrauen und einem anzüglichen Grinsen.

 Als ich mich nach den anderen Mitschülern umsah, stellte ich fest, dass

 alle den wissend grinsenden Gesichtsausdruck trugen. Auch sie stellten sich also Ms Ehle in aufreizenden Dessous mit Hasenohren vor. Bei der ein Meter sechzig großen und mindestens neunzig Kilo schweren Ms Ehle mit ihren

 kurzen, fettigen Haaren ohne erkennbare Frisur war diese Vorstellung mehr

 als absurd – und machte somit die Stunde erträglich.

 Öl- und Gasvorkommen in Aserbaidschan. Wer zur Hölle brauchte das? Ich versuchte mein Gähnen so gut wie möglich zu verstecken und überlegte, dass an dem mächtigen Hinterteil von Ms Ehle ein Hasenschwänzchen glatt untergehen würde. Bridget Jones war eine Sexbombe im Vergleich zu ihr.

 Als der Gong schlug, sprangen wir auf, als hätte uns jemand Nadeln in den

 Hintern gestochen, und rannten hinaus.

 »War’s wieder spät gestern Abend?«, fragte Phyllis im Flur. Sie war meines Erachtens das schönste Mädchen der Schule. Ihre Haut hatte die Farbe von Milchkaffee, sie hatte eine Figur und Haare wie Naomi Campbell und ein ebenmäßiges Gesicht mit hohen Wangenknochen und schokoladenbraunen Augen. Neben ihr fühlte ich mich oft ziemlich unscheinbar und plump. Aber das Schönste an Phyllis war: Ihr war das Aussehen egal. Mein Glück, denn sonst wäre ich bestimmt nicht ihre beste Freundin.

 »Ziemlich«, antwortete ich. »Wer hat sich denn das Mittwochsmotto heute ausgedacht?« Corey war mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht zu uns aufgerückt. »Ach, was frag ich überhaupt. Hast du dir mal überlegt, dass die Vorstellung von Lehrern in Strapsen etwas Furchterregendes hat?«

 Er zuckte die Schultern. »Kommt drauf an. Bei Mr Singer stimme ich die zu.«

 »Uäh!«, riefen Phyllis und ich einstimmig.

 »Was habt ihr denn für ein Problem?« Jayden hatte uns eingeholt.

 Dadurch keuchte er ein wenig.

 »Wann speckst du endlich mal ab?«, fragte Corey ihn missbilligend.

 »Denk dran, Dicke leben nicht lang.«

 Jayden ignorierte ihn und wandte sich an mich. »Felicity, du stinkst, als

 wärst du gestern Abend in ein Fass Glenfiddich gefallen. Und so k.o. siehst

 du auch aus. Hat deine Mutter dich schon wieder im Pub eingesetzt?«

 Ich lächelte ihn dankbar an. Wenigstens meine Freunde konnten sich denken, weshalb ich oft zu spät war und manchmal nicht ganz taufrisch aussah.

 Jayden mochte zwar eins achtzig groß sein, hatte aber definitiv zwanzig Kilo zu viel. Gepaart mit seinem furchtbaren Geschmack in Sachen Klamotten wirkte er auf den ersten Blick wie eine billige Chris-Tucker-Imitation. Allerdings hatte Jayden einen messerscharfen Verstand. Keiner an der Schule konnte ihm im Unterricht das Wasser reichen.

 »Sorry. Ich habe den Geruch gar nicht bemerkt, als ich mich heute Morgen angezogen habe«, erklärte ich schnell. »Vielleicht sollte ich in der Mittagspause nach Hause flitzen und mir ein frisches T-Shirt anziehen.«

 »Ich habe noch eins in meinem Spind«, bot mir Corey an.

 »Äh, ich auch«, meinte ich zaghaft.

Schließlich kannte ich Corey gut genug, um zu wissen, dass er mit seinen

Sachen noch sorgloser umging als jeder andere von uns. »Meines ist mit

Speiseresten bestückt. Und deines?«

 »Sauber. Ich hab‘s als Ersatz.«

 »Oh. Wenn das so ist … Prima, danke.«

 Ruby und Nicole schlossen vor Coreys Schließfach zu uns auf.

 »Morgen, Felicity, geht es dir gut?«, fragte Ruby mitfühlend.

 Ich sah, wie ihre Nase bebte, weil sie den verschütteten Whiskey auf meinem Shirt roch. »Schon okay. Ich geh mich nur gerade umziehen. Danke, Corey.«

 Ich nahm das T-Shirt entgegen und eilte in das nächste Mädchenklo. Erst

 als ich frisch umgezogen in den Spiegel blickte, sah ich was auf dem Shirt

 stand: Sexgott.

 Aber ich sagte mir, besser das, als nach Pub zu stinken.

 Trotzdem atmete ich ein paarmal tief durch, ehe ich in den Gang trat.

 Meine Freunde warteten noch immer vor Coreys Schließfach auf mich.

 Nicole, Jayden und Phyllis brachen in lautes Gelächter aus, als sie mich

 sahen. Nur Ruby sah mich stirnrunzelnd an.

 Die elfenhafte Ruby konnte einem Witz wie immer nichts abgewinnen.

 Corey allerdings amüsierte sich köstlich.

 Ich lächelte gequält. »Danke, Corey. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

 Der Whiskeygeruch oder dieses Shirt. Mal abgesehen davon, dass ich hier

 drin versinke.«

 »Ich finde, es steht dir«, grinste Corey frech und stierte auf meine

 Oberweite. »Du füllst es zumindest besser aus als ich.«

 »Denkst du eigentlich auch mal an was anderes als Sex?«, fragte Nicole.

 »Selten«, gestand Corey.

 Ich musste zweimal hintereinander niesen. Der Geruch des Weichspülers

 kitzelte in meiner Nase. Dadurch bekam ich die Aufregung um mich herum

 etwas verspätet mit.

 »Guter Gott, wer ist denn das?«, hörte ich Nicole atemlos fragen. Ich musste wieder niesen. Erst da sah ich ihn.

Er kam an der Seite der Direktorin auf uns zu. Selbst die Direktorin Mrs Haley-Wood schaute schmachtend zu ihm auf. Er war schlank und

wirkte äußerst sportlich. Seine Haare waren dunkelblond, dicht,

verwuschelt, als würde er ständig darin wühlen, und an den Seiten so lang, dass sie die Hälfte seiner Ohren verdeckten. Zudem war er groß. Sehr groß.

Größer als alle anderen Jungs an unserem College. Und er hatte das schönste Gesicht, das ich je bei einem Mann gesehen hatte.

 Zugleich bewegte er sich mit einer Lässigkeit, die Corey sich seit Jahren

 anzueignen versuchte. Bislang ohne Erfolg.

 »Meine Güte, Alex Pettyfer ist seit eben auf unserer Schule«, hauchte Nicole ehrfürchtig. Ihr und Phyllis stand der Mund weit offen.

 »Quatsch. Der Typ da hinten ist viel größer«, korrigierte Corey. Er klang

 betroffen. Ruby hatte die Augenbrauen bis

zum Haaransatz hochgezogen.

 Einzig Jayden wirkte unbeeindruckt.

 Mrs Haley-Wood und der Neue kamen näher.

 »Nur noch ein paar Meter«, flüsterte Nicole beschwörend. »Nur noch ein

 paar Meter. Komm her. Hierher. O verdammt.«

 Letzteres rief sie ebenso empört wie laut. Wir wussten weshalb. Felicity

 Stratton, die Edelzicke und ihre Anhänger hatten sich geschickt der

 Direktorin in den Weg gestellt. Felicity und ich teilten uns den gleichen

 Vornamen, aber damit endete jegliche Ähnlichkeit. Felicity wurde immer

 mit ihrem vollen Namen angesprochen, sie war groß, schlank und

 topmodisch gekleidet. Ich hieß bei allen, mit Ausnahme von Phyllis und den

 Lehrern, die Stadt oder schlicht City.

Den Spitznamen hatten Felicity und ihre illustren Freundinnen mir verpasst. Nicht nur, um uns zu unterscheiden, sondern mit der Begründung, ich sei so

kantig und schmutzig wie City of London.

 Wir konnten hören, wie Mrs Haley-Wood Felicity vorstellte und ihr erklärte, es handele sich bei dem Unbekannten um einen neuen Mitschüler.

 »Warum ausgerechnet immer sie?«, stöhnte Nicole. »Wie eine Spinne, die

 ihre Fühler ausstreckt.«

 »Spinnen haben aber keine Fühler«, meinte Ruby irritiert.

 Corey rollte mit den Augen. »Das ist eine Metapher, Ruby.«

 »Oh, verstehe. Hättest du dann nicht besser gesagt, ihre Netze auslegt

 oder so was?« Ruby war bildhübsch, sah aber oft die Dinge etwas anders als

 wir anderen. Ihre Aussage bewies wieder einmal, dass sie mit Wortspielen

 nicht zurechtkam.

 »Auf jeden Fall kann Felicity gut ihr Gift verspritzen«, sagte ich trocken.

 »Ich glaube, der ist eine Nummer zu groß für uns. Soll er doch mit Felicity

 und ihrer Clique von arroganten Schnöseln glücklich werden.« Ich

 beobachtete, wie Felicity dem Neuen eine Hand auf den Arm legte. Sie würde

 auf jeden Fall alles daransetzen, ihn ihrem ausgewählten Kreis von

 Bankerkindern, künftigen Politikern und Schauspielern zuzuführen.

 »Ob er Irish Stew mag?«, überlegte Ruby und sah dem Neuen zu, wie er

 lässig sein Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte und die Hände

 in die Taschen schob.

 Wir sahen sie alle groß an.

 »Wieso Irish Stew?«, hakte Corey nach.

 »Hm, ich mag’s nicht. Er könnte meine Portion heute Mittag haben.«

 »Er kann auch meine haben, wenn er sich dafür neben mich setzt«, kicherte Nicole. »Wer muss schon essen bei diesem Anblick?«

 Er war wirklich umwerfend und zog die Aufmerksamkeit sämtlicher auf

 dem Gang befindlicher Studenten auf sich.

 Und auf einmal schaute er auf und mir direkt in die Augen. Erschrocken

 musste ich ein weiteres Mal niesen. Dabei machte ich einen kleinen Schritt

 zurück und fiel über meine Tasche. Rundherum lachten alle laut auf.

 »Na toll. Jetzt weiß er, dass Bridget Jones auch an dieser Schule ist.«

 Umständlich rappelte ich mich auf.

 »Und er hat einen hervorragenden Blick auf dein mächtiges Hinterteil

 werfen können«, meinte Corey und schlug mir jovial auf die Schulter.

 Ich stöhnte und schloss einen Moment die Augen. Gab es hier ein Loch, in

 das ich versinken konnte? Als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich seinen

 Blick mit den typischen Empfindungen, mit denen ich oft gemustert wurde:

 Amüsement, Herablassung und ein wenig Mitleid.

 »Komm mit, Lee«, sagte Felicity und hakte sich bei ihm unter. »Ich zeige

 dir, wo der Englisch-Kurs ist.«

 Er ließ sich willig mitziehen.

 Ich konnte sein zufriedenes Grinsen bis hierher sehen. Und genau das

 würde ich die nächste Stunde ertragen müssen. »Ich muss gehen. Wir sehen

 uns in der Mittagspause.« Ich schulterte meine Tasche und ging mit energischen Schritten die Treppe hoch.

 »Oh, frag ihn bitte, ober er mein Stew möchte, ja?«, rief mir Ruby hinterher.

 Ich ignorierte sie. Leider konnte ich Ms Ehle, unsere Geografielehrerin,

 nicht ignorieren.

 »Miss Morgan, Sie haben Ihr Heft verloren.« Sie reichte mir das Heft und

 eilte weiter.

 Ich sah auf den Umschlag. Von wegen mein Heft. Sie hatte mir Felicitys Heft gegeben. Ich spielte ernsthaft mit dem Gedanken, es ins nächste Klo zu

 werfen. Aber leider hatte Ms Ehle ein langes Gedächtnis. Sie würde mir eher

 Trunkenheit nachsehen, als den Verlust eines Lehrmittels aus ihrem Unterricht.

 Ich warf meinen Rucksack so auf den Rücken, dass ich hoffte, damit den

 Aufdruck verdeckt zu bekommen. Jeder, der mir entgegenkam, grinste breit,

 sobald er »Sexgott« las. Ich konnte es keinem verübeln. Auf halbem Weg

 fühlte ich, wie der Rucksack rutschte. Dummerweise hatte ich soeben eine

 Hand in meinen Haaren, um ein paar Strähnen zu entwirren und in der

 anderen Felicitys Heft. Der Rucksack rutschte und ich stolperte. Da

 bemerkte ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Zu dumm. Ich wurde

 unfreiwilliger Zeuge wie Felicity den Neuen mit aller Kunst küsste. Zu

 meiner Genugtuung schien er es nicht sonderlich zu genießen. Sobald er

 mich entdeckte, brach er den Kuss ab.

 »Entschuldigung«, murmelte ich und konnte den sarkastischen Tonfall

 nicht ganz unterdrücken.

 Felicity drehte sich um. »Verschwinde, City. Spionierst du mir etwa

nach?«

 »Weshalb sollte ich dir wohl nachspionieren?«, fragte ich, ehrlich amüsiert. »Glaubst du vielleicht, ich will lernen, wie man sich in der Öffentlichkeit lächerlich macht?«

 »Das brauchst du nicht zu lernen. Das kannst du von ganz allein«, fauchte

 Felicity. »Hau ab, City. Lee ist wohl nicht ganz deine Kragenweite.«

 Den Speed-Knutscher konnte sie gerne behalten. »Nein, City, aber zum

 Glück ja deine. Ich glaube, du hast heute deinen eigenen Rekord geknackt:

 zwei Minuten nach dem Kennenlernen. Gratuliere.«

 Ich reichte ihr das Geografieheft.

 »Hier. Miss Ehle hat uns verwechselt.«

 Lee hatte noch immer kein Wort gesagt, aber sein Blick sprach Bände.

 Allerdings schien er nicht ganz so bezaubert von Felicity zu sein, wie man es

 nach einem Kuss hätte erwarten sollen.

Vielleicht hatte sie Mundgeruch?

 Hoffentlich war es Knoblauch oder – noch schlimmer – Zwiebeln.

 »Keine Sorge, City, Lee wird uns nicht verwechseln.«

 Sie kam näher und nahm das Heft.

 Nein, kein Mundgeruch. Schade.

 »Hoffentlich. Ich nehme nicht gern gebrauchte Ware.« Jedenfalls keine abgelegten Typen von Felicity Stratton.

Ein bisschen mehr Stolz besaß ich schon.

 Lee sah dagegen aus, als habe ihm Felicity während des Kusses eine giftige

 Kapsel verabreicht. Er starrte mit riesigen Augen auf das Heft, dann auf

 Felicity.

 »Stratton?«, krächzte er. »Du heißt Stratton?«

 Felicity nickte schmachtend. »Ja. Noch. Aber wer weiß, ob ich nicht irgendwann einen neuen Nachnamen bekomme? FitzMor zum Beispiel.«

 Oh. Mein. Gott. Wusste sie nicht, dass man

Jungs nie mit Ich-will-ein-Kind-von-dir überfallen darf? Lee sah im Moment aus, als wäre ihm schlecht. Tja, liebe Felicity, das ging wohl zu schnell. Geschieht dir recht. Ich wandte mich ab, um zum Klassenraum zu gehen. Das hier war ja nicht zu ertragen.

 Eine Hand umfasste meinen Oberarm.

 Ich zuckte zusammen, ein elektrischer Schlag durchzuckte mich. Lee hielt mich fest und sah mir direkt in die Augen.

 »Was?«, fragte ich pampig. Ich wollte keinesfalls eine Ohrfeige riskieren.

 Als ich vor acht Jahren hierhergekommen war, waren Jungs noch nicht ganz so sparsam im Verteilen von Hieben; die waren mir in guter Erinnerung geblieben. Und nicht alle Jungs legten diese pubertäre Eigenschaft ab. Der Typ funkelte im Augenblick zumindest dermaßen, dass ich das Schlimmste befürchtete. Er machte mir Angst.

 In dem Moment ließ er mich los und blinzelte zweimal. »Heißt dutatsächlich City?«

 Ich richtete mich auf und sagte so freundlich wie möglich im besten Oxford-Akzent: »Natürlich nicht. Meine Freunde nennen mich Felicity. Felicity Morgan«.

 Er sah mich so erschüttert an, als hätte ich gesagt, ich wäre

 die Prinzessin von Wales.

  

 

Im.press

 

Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH

 

 

 

© der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2013

 

Text © Sandra Regnier, 2013

 

Betreuendes Lektorat: Pia Trzcinska

Redaktion: Evi Draxl

 

   

  


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